Verantwortung abgeben. Zwei Wörter, die einfach klingen und in der Praxis doch zu den größten Herausforderungen im Führungsalltag gehören.
Fast jede Führungskraft, mit der ich zusammenarbeite, wünscht sich Mitarbeiter, die eigenverantwortlich arbeiten, Entscheidungen treffen und mitdenken. Gleichzeitig höre ich immer wieder denselben Satz:
„Ich komme zu nichts mehr. Ich mache am Ende doch wieder alles selbst.“
Genau darin liegt das eigentliche Problem.
Denn wer sich dauerhaft um alles selbst kümmert, nimmt seinen Mitarbeitern die Chance, Verantwortung zu übernehmen und entwickelt sich gleichzeitig selbst zum Flaschenhals im eigenen Unternehmen.
Ich sehe immer wieder dasselbe Muster
Wenn ich Unternehmen besuche, fällt mir häufig auf, wie viele Aufgaben noch auf dem Schreibtisch der Geschäftsführung landen, obwohl sie längst von Mitarbeitern übernommen werden könnten.
Dabei geht es nicht um strategische Entscheidungen oder besonders sensible Themen.
Es geht um Aufgaben, die delegierbar wären.
Aufgaben, an denen Mitarbeiter wachsen könnten.
Aufgaben, bei denen sie eigene Ideen einbringen und Verantwortung übernehmen könnten.
Trotzdem bleiben sie bei der Führungskraft.
Nicht, weil niemand sie erledigen könnte.
Sondern weil Loslassen schwerfällt.
Verantwortung abgeben heißt nicht, die Kontrolle zu verlieren
Viele Führungskräfte verbinden Delegieren mit Kontrollverlust.
Dabei bedeutet Verantwortung abzugeben etwas völlig anderes.
Es bedeutet, einem Mitarbeiter einen klaren Verantwortungsbereich zu übertragen und ihm zuzutrauen, dafür eine eigene Lösung zu entwickeln.
Und genau hier beginnt häufig die eigentliche Herausforderung.
Denn die Lösung des Mitarbeiters wird wahrscheinlich nicht genauso aussehen wie die eigene.
Vielleicht geht er anders vor.
Vielleicht setzt er andere Prioritäten.
Vielleicht braucht er sogar etwas länger.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Macht er es genauso wie ich?“
Sondern:
„Erreicht er das gewünschte Ergebnis?“
Perfektion steht erfolgreicher Delegation oft im Weg
Ein Gedanke hilft vielen meiner Kunden dabei, Verantwortung leichter abzugeben.
Muss wirklich jede Aufgabe zu einhundert Prozent genauso erledigt werden, wie ich sie selbst erledigen würde?
Oder reichen in manchen Bereichen auch achtzig Prozent?
Natürlich gibt es Aufgaben, bei denen höchste Qualität unverzichtbar ist.
Doch es gibt ebenso viele Tätigkeiten, bei denen nicht Perfektion entscheidend ist, sondern dass sie zuverlässig erledigt werden.
Wer jede Kleinigkeit selbst kontrolliert, wird zwangsläufig zum Engpass im eigenen Unternehmen.
Delegieren beginnt mit klarer Kommunikation
Ein weiterer Fehler begegnet mir in Coachings immer wieder.
Die Aufgabe wird zwar übertragen, die Erwartungen bleiben jedoch unklar.
Der Mitarbeiter weiß nicht genau,
- welches Ergebnis erwartet wird,
- bis wann die Aufgabe erledigt sein soll,
- welche Freiheiten er bei der Umsetzung hat,
- woran gute Arbeit gemessen wird.
Kommt anschließend ein anderes Ergebnis heraus als erwartet, folgt häufig die Enttäuschung.
Der Chef verliert Vertrauen.
Der Mitarbeiter verliert Sicherheit.
Beim nächsten Mal erledigt die Führungskraft die Aufgabe wieder selbst.
Und genau an dieser Stelle beginnt der Kreislauf von vorne.
Mitarbeiter wachsen nur, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen
Kein Mensch entwickelt sich dadurch, dass ihm jede Entscheidung abgenommen wird.
Menschen entwickeln sich, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen.
Sie sammeln Erfahrungen.
Sie finden eigene Lösungen.
Sie machen Fehler.
Und genau diese Fehler gehören dazu.
Wer Mitarbeitern nach dem ersten Fehler die Verantwortung wieder entzieht, verhindert genau die Entwicklung, die er sich eigentlich wünscht.
Verantwortung abgeben schafft Zeit für das Wesentliche
Der größte Gewinn beim Delegieren ist nicht die erledigte Aufgabe.
Der größte Gewinn ist die Zeit, die dadurch entsteht.
Zeit für strategische Entscheidungen.
Mehr Raum für Kunden.
Intensivere Gespräche mit Mitarbeitern.
Neue Ideen für das Unternehmen.
Oder ganz einfach ein Schreibtisch, auf dem nicht mehr alles gleichzeitig liegt.
Denn genau dafür sollten Führungskräfte ihre Zeit nutzen.
Nicht für jede einzelne operative Aufgabe.
Sondern für die Themen, die wirklich nur sie selbst übernehmen können.
Mein Impuls für Sie
Stellen Sie sich heute einmal eine einfache Frage:
Welche drei Aufgaben erledigen Sie aktuell noch selbst, obwohl ein Mitarbeiter sie mit etwas Unterstützung genauso gut übernehmen könnte?
Wenn Ihnen spontan drei Aufgaben einfallen, haben Sie bereits den ersten Schritt gemacht.
Jetzt geht es darum, den zweiten zu gehen:
Vertrauen.
Loslassen.
Verantwortung übertragen.
Denn genau dort beginnt echte Führung.
Fazit
Eigenverantwortliche Mitarbeiter entstehen nicht durch Zufall.
Sie entstehen, weil Führungskräfte bereit sind, Verantwortung abzugeben.
Ja, das kostet Mut.
Ja, Ergebnisse werden manchmal anders aussehen, als Sie sie selbst umgesetzt hätten.
Doch genau das ist Führung.
Nicht alles selbst zu erledigen.
Sondern Menschen zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen.
